Berlin

Liebe und ihre Grenzen

Wieland Giebel, den meinen Freund zu nennen ich mich glücklich schätze, hat neulich im Stadtmagazin Zitty gesagt, dass seine Liebe zu Berlin unerschütterlich sei. Der rührige Verleger, Buchhändler und Autor mit Berlin-Themen lässt sich auch von Mega-Blamagen wie Schönefeld nicht beirren.

Nun lebt Herr Giebel einige Jahre länger als ich in Berlin und kennt die Stadt und ihre Eigenheiten bestimmt besser. Ich bin dennoch nicht seiner Meinung: Es hat sich inzwischen in der Art, wie man unsere Stadt regiert und verwaltet, eine Wurstigkeit und Beliebigkeit entwickelt, die auch den größten Liebhaber nachdenklich machen müsste. Es herrscht eine Schlamperei, die jeden, der dieser Stadt mit ihrer bis heute schwierigen Situation Sympathie entgegenbringt, wütend machen muss.

Schönefeld ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Mit einer Mischung aus Gigantonomie und himmelschreiender Inkompetenz werden beim Neubauen und beim Restaurieren reihenweise Millionen Euro Steuergelder in den märkischen Sand gesetzt. Wer glaubt denn noch an Märchen und daran, dass das Stadtschloss unter 1 Milliarde zu haben sein wird?!
Die Politik, die man hier seit längerem macht, gibt insgesamt keine erkennbare Richtung vor für die Zukunft Berlins. Überall wachsen abstruse Klötze in den Himmel, man vermisst ein Leitbild und die ordnende Hand einer kritischen Rekonstruktion á la Kleihues und Stimmann.
Die wirtschaftliche, städtebauliche, kulturpolitische Entfaltung der Stadt und ihres Potentials wird durch ein provinzielles und dilettantisches Sammelsurium von ad-hoc-Maßnahmen nicht gefördert, sondern behindert. Man wurstelt vor sich hin und hat keinen wirklichen Begriff davon, wohin die Reise gehen soll. Es wird bloß reagiert, nicht regiert. Der Verweis auf das attraktive Image Berlins und den anhaltenden Boom ist nicht ausreichend.

Wo und wie sollen die Menschen wohnen, die Berlin in den nächsten Jahren zu ihrem Lebens-Mittelpunkt machen? Was wird aus den noch reichlich vorhandenen Freiflächen in der Stadt? Wie stellen wir sicher, dass die Bezirke die essentielle Infrastruktur erhalten können? Und wie verhindern wir, dass sich immer größere Parallelgesellschaften bilden? Es fehlt in Berlin an bezahlbaren Wohnungen, es gibt jede Menge ungenutzte Brachen, den Bezirken haben kein Geld für die nötigsten Reparaturen und von gelungener Integration kann bei vielen ausländischen Mitbürger weiß Gott nicht die Rede sein.
All dies nicht erst seit gestern. Dennoch geben die uns Regierenden auf diese und auf weitere wichtige Fragen bis heute keine befriedigenden Antworten. Darüber kann man nicht glücklich sein, bei aller Liebe.