Berlin

Berlin vom Berg aus

Neuberliner, Du bist nicht allein, auf weiter Flur. Ein "Kollege" aus dem Land der hohen Berge hat ein witziges Kompendium seiner Erfahrungen mit dieser Stadt verfasst. Ich lege es allen Zugezogenen ans Herz.

Buchbesprechung

Viele Wege führen durch Berlin, aber kann man die Hauptstadt auch erklimmen? Der Eidgenosse Till Hein hat es versucht. Erlebnisse und Ergebnisse einer zehnjährigen Bergtour hat er unter passendem Titel veröffentlicht: „Der Kreuzberg ruft – Gratwanderungen durch Berlin“.

Hein kommt 2002 aus Basel als Journalist nach Berlin. Im mentalen Gepäck die Vorstellung, sich vom Kreuzberg aus die bunte Welt der Metropole auf Schweizer Art erschließen zu können. Aber auch er muss sich erst einmal den Mühen der Ebene stellen. So absolviert er zunächst den klassischen Berliner WG-Kreuzweg mit absonderlichen Mitbewohnern in prekären baulichen Verhältnissen. Schließlich landet er in einer Hardcore-Vegetarier-Wohngemeinschaft. Beruflich ist die Hauptstadt am Anfang für den tapferen Till kein Aufstieg: Statt über das wilde Berliner Nachtleben muss er über die Schweizer Schulreform schreiben. Also durchstreift er lieber die Stadt, immer auf der Suche nach einem Gipfel, den man besteigen könnte. An seiner Seite andere Neuberliner wie die Schmuckdesignerin Amanda aus Florida. Schließlich gibt er sich zufrieden mit den Rixdorfer Höhen und dem Teufelsberg, immerhin 115 Meter hoch, und lässt sich auf die Verrücktheit seiner neuen Heimat ein.

Die Episoden, die Hein erzählt, sind Etappen einer Annäherung, die nicht leicht gefallen ist. Aneinander gereiht ergeben sie ein kurzweiliges road movie durch Berlin. Der Ton ist lakonisch, der Inhalt abwechslungsreich: Da trifft sich der Autor mit einer Duftforscherin zum Interview und hat zuvor eine Hundemine übersehen. Er testet die Berliner Saunalandschaft, sein Entdeckerdrang treibt ihn gar bis vor die Tore der Stadt, ins Tropical Island. Im Winter schnallt er die Langlauf-Skier an und gleitet über das Tempelhofer Feld. Dann geht aber auch Heins Dasein als Einzelkämpfer in der Großstadt zu Ende: Er gründet eine Familie, bekommt Nachwuchs, der ihn „zur rechten Hand einer jungen, aufstrebenden Persönlichkeit macht“.

Mit seinem ersten Buch ist dem Journalisten, dessen leider eingestellte Neuberliner-Kolumne im TAGESSPIEGEL man gerne las, ein sehr persönliches Porträt des Schweizers im „Schwoobeland“ gelungen. Spaß macht beim Lesen nicht nur die Unverdrossenheit, mit der Hein seinen Parcours als Neuling in Berlin erledigt und beschreibt. Neben lustigen, gut nachvollziehbaren Anekdoten aus dem Nähkästchen eines Neuberliners erzählt der Autor auch viele spannende Geschichten von der unverwüstlichen Stadt Berlin und ihren ulkigen Bewohnern. Fazit deshalb: Hein liefert nicht nur Witz, sondern auch Wert.

Till Hein: Der Kreuzberg ruft, be.bra Berlin, 254 Seiten, 14,95 Euro.